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Sie sind 50+ und haben sich wirklich noch nie Ihres Alters wegen diskriminiert gefühlt?
Bei der EU sieht man das Problem anders.

Tatsächlich ist es in der Bundesrepublik nicht möglich, Alte zu diskriminieren, weil sie in Artikel 3.3 des Grundgesetzes schlicht nicht vorkommen. Behinderte wurden ausdrücklich aufgenommen und das ist auch gut so. Bei den Alten drückt man sich.

Bereits in 2005 erging ein Urteil des europäischen Gerichtshofs, das "dem Verbot der Altersdiskriminierung Grundrechtsqualität"* beimaß. "Seit Dezember 2009 ist das Verbot der Altersdiskriminierung nun rechtsverbindlich in Art. 21 Abs. 1 der Charta der Grundrechte der EU (GRCh) niedergelegt."*

Die Bundesregierung begegnete der neuen Rechtslage mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). "Dieses für Deutschland neue Diskriminierungsverbot ist seitdem kontrovers diskutiert worden. Die Haltung ihm gegenüber war überwiegend ablehnend."* Gleichstellungsbeauftragte in Kommunen sind gewöhnlich Frauen und meist nur an Frauen orientiert.

Obwohl der Europäische Gerichtshof die Gleichbehandlung unabhängig vom Alter als Grundrecht einstuft, definiert das AGG in §2 den Anwendungsbereich wesentlich sozial- und arbeitsrechtlich. "Das Verbot der Altersdiskriminierung hat bislang vor allem die Arbeitsrechtswissenschaft und gerichtliche Praxis intensiv beschäftigt; andere privatrechtliche Bereiche stehen noch nicht im Zentrum der Diskussion."*

*Rothermund, Klaus; Temming, Felipe: Diskriminierungen aufgrund des Alters. Berlin (Antidiskriminierungsstelle des Bundes) 2010

   
 

Darauf angesprochen sagen fast alle Alten, sie seien noch nie diskriminiert worden. Auf Nachfrage hat aber dann doch fast jeder eine Geschichte zu erzählen. Offensichtlich ist es so, dass viele Alte vieles so hinnehmen.

Muss man mit 75 ins Heim? Titelt die Kreiszeitung Buxtehude am 24. Mai 2014 und berichtet, dass eine 82-Jährige von der Hamburger Grundstücksverwaltung Powalla eine Absage auf Ihre Bewerbung erhalten hat. Das Unternehmen schreibt: "Grund hierfür ist ihr fortgeschrittenes Alter, die Altersgrenze für eine Neuvermietung liegt bei 75 Jahren."

In "Der Spiegel" schreibt Autor Dietmar Hipp: "Dass das Grundgesetz auch eine Diskriminierung aus Altersgründen verbietet..." [s. dazu linke Spalte. Ein Leserbrief dazu wurde nicht abgedruckt, der Fehler (bislang) nicht richtiggestellt.]

Ein Interview mit Thomas Gottschalk eröffnet Autor Carsten Rave mit der Bemerkung: "Andere in seinem Alter gehen in Rente, er plant munter sein künftiges Berufsleben... wird heute 65 Jahre alt – und längst nicht müde, weiter über die Arbeit nachzudenken." Subtext: 'Normale' Rentner sind zu müde, um über ihren weiteren Lebensweg (Karriere) nachzudenken.

Isabella Rosselini, Mitte der 90er Jahre Model für Lancôme: »...ich [wurde] einfach ausgetauscht. Ich fühlte mich sehr erniedrigt. Ich denke, es gibt eine Art Altersrassismus.« (Buxtehuder Tageblatt vom 25. Juli 2016)

»Wenn sie [Kinderbuchautorin Kirsten Boie] in der jüngsten Zeit erzählt habe, dass sie 65 Jahre alt werde, folgte allerdings oft die Frage [von Kindern]: ›Darfst du dann überhaupt weitermachen?‹, berichtet Bode.« (Buxtehuder Tageblatt vom 19. März 2015.

»Sie [die Alten] sind für den Handel extrem wichtig, denn es wachsen einfach nicht genug junge Leute als Kunden nach«, sagt Senior-Marketing-Experte Gundolf Meyer-Hentschel... Außerdem gelte es, eine Grundregel eisern zu befolgen: »Was man nicht tun darf ist: Alte als Alte ansprechen.« (zit. n. Buxtehuder Tageblatt vom 21. Mai 2015)

"Weil die Normen der Sexyness Jugendlichkeit prämieren und weil die Altersdiskriminierung Männern Vorteile verschafft, ist die Auswahl, aus der Männer wählen können, wesentlich größer als die der Frauen", erklärt die israelische Schriftstellerin Eva Illouz in ihrem ... Buch "Warum die Liebe weh tut". (Brigitte woman 6/2014)

Laut dem jüngsten [2013] Tätigkeitsbericht des Bundesversicherungsamtes weigern sich Kassen immer wieder, neue Mitglieder aufzunehmen, wenn diese alt oder chronisch krank sind. Es habe außerdem Versuche gegeben, Ältere oder Kranke aus der Kasse herauszudrängen.

Der Soziologe Dr. Thomas Druyen in der Ärzte Zeitung: Meiner Einschätzung nach haben sich die Umstände des Alters gravierend verändert, die Bewertung des Alters dagegen nur wenig. Was wir uns wieder aneignen müssen, ist eine reale Vorstellung des Alters. Heute haben wir vom Alter lediglich eine negative Begrifflichkeit. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden Menschen nach Vollendung ihres 49. Lebensjahres in einem Maß aus dem Berufsleben und allzu häufig auch aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt, wie das in der Vergangenheit kaum vorstellbar gewesen wäre. Darin liegt eine große Tragik.

URTEIL: Diskriminierung in der Stellenanzeige
Jobsuchende müssen es nicht hinnehmen, wenn sich eine Stellenanzeige nur an Berufseinsteiger richtet. Sucht ein Arbeitgeber nach Anfängern, werden ältere Bewerber systematisch ausgeschlossen. Darin ist ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbe- handlungsgesetz (AGG) zu sehen. Der Arbeitgeber muss abgelehnten Bewerbern dann möglicherweise sogar eine Entschädigung zahlen. Dies geht aus einem Beschluss des Landesarbeitsgerichts Nordrhein-Westfalen (Az.: 13 Sa 1198/13) hervor. Im verhandelten Fall hatte eine Rechtsanwaltskanzlei nach Berufsanfängern gesucht. Daraufhin hatte sich ein 60-jähriger, promovierter Rechtsanwalt beworben und war abgelehnt worden. Er hatte daraufhin Klage erhoben.

Gert (72) fährt regelmäßig schweres Motorrad. Zum Geburtstag schenkte ihm sein Sohn eine Tour auf Quads. Als er sich anmelden wollte hieß es: Nicht über 70.

Viele (Kirchen-) Chöre sperren 70-jährige aus. Als Antwort darauf bilden sich Chöre 70plus wie "Heaven Can Wait" (Hamburg).

Bei der Bank heißen Alte hinter vorgehaltener Hand AD-Kunden, alt und doof.

Ingrid (76): "Ich stand in der Schlange beim Kaufmann, da war so ein Kind, das rief immer: Oma, Oma, alte Oma. Das gehört sich doch nicht. Die Mutter hätte das Kind zu sich ranholen können, dass es nicht immer vor mir rumtanzt und Oma, Oma ruft."

Die Hamburger Kulturbehörde lobt einen Förderpreis für Literatur aus. Die Bewerbung ist anonym. Auf dem Manuskript ist nur ein Kennwort anzugeben. Und das Alter.

FRANKFURT. Das Land Hessen muss einen 65-jährigen Lehrer weiter beschäftigen, der nicht in den Ruhestand gehen will. Es dürfe niemand wegen seines Lebensalters diskriminiert werden, teilte das Verwaltungsgericht in Frankfurt zur Begründung seines Beschlusses mit (Az. 9 L 2184/13.F). Beamte gehen laut Gesetz im Alter von 65 Jahren in den Ruhestand. Der Studienrat möchte aber erst im kommenden Sommer in den Ruhestand gehen.

Ingird (72): "Was immer mal vorkommt ist mit dem Bus. Ich bin auf den Bus angewiesen. Es gibt viele junge Busfahrer, die lassen die Hebebühne nicht runter. Dann kommt man mit dem Rollator nicht zurecht oder wer mit den Knien Probleme hat, wie ich, der kommt dann da nicht hoch."

Robert De Niro (70): "Überall gilt nur noch das Junge und Erfahrung ist offenbar völlig unwichtig geworden. Wenn ein alter Mann heute die Straße runtergeht, wird er von den Jungen doch gar nicht mehr wahrgenommen. Respekt vor dem Alter gibt es leider kaum noch."

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